"Ich denke gerne an die alte Zeit zurück"

Ein Zeitzeugenbericht von Klara Rohr Mit dem Ende des 2. Weltkrieges verlor ich meine Tätigkeit als Zugbegleiterin bei der damaligen Reichsbahn und so war ich gezwungen mir schnell…

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"Ich denke gerne an die alte Zeit zurück"

2017-10-05

Ein Zeitzeugenbericht von Klara Rohr

Mit dem Ende des 2. Weltkrieges verlor ich meine Tätigkeit als Zugbegleiterin bei der damaligen Reichsbahn und so war ich gezwungen mir schnell eine neue Tätigkeit zu suchen um meine alleinerziehende Mutter und meinen kleinen Bruder zu unterstützen. Es war noch 1945 als ich mich in Mainz auf Arbeitssuche begab und ehemalige Bahnkollegen traf, die mir den Ratschlag gaben, mich doch in der neuen Bahnkantine zu bewerben. Ich ging also in die Bahnhofsstraße um mich zu bewerben.
Das Gebäude wurde vor dem Krieg als Hotel genutzt, dann zur kurzfristigen Versorgung heimkehrender Soldaten und danach als Kantine. Die Kantine wurde jetzt von einem privaten Pächter mit der Unterstützung des Bahn-Sozialwerkes bewirtschaftet. Ich wurde auch sofort eingestellt, für 10 Stunden Arbeit pro Woche gab es 26 Mark und davon wurden uns noch 50 Pfennig pro Mahlzeit abgezogen. Ich wohnte in Budenheim und da aus Budenheim keine Züge fuhren musste ich täglich mit dem Fahrrad nach Mainz und zurück fahren, egal ob früh um 6 Uhr oder bei Schnee und Regen.

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Mainz war amerikanisch und französisch besetzt. Die amerikanische Verwaltung mit Kantine war in der ehemaligen Bahnverwaltung in der Kaiserstraße ehemals Horst-Wesel-Platz. Der Küchenchef der Amerikaner hieß Bill und er war sehr nett. Unser Chef und zwei Küchenhilfen wurden ab und zu von Ihm für Hilfsarbeiten angefordert, meistens kamen wir zum Hähnchenausnehmen, die Innereien durften wir zum Verbrauch in unsere Kantine mitnehmen. Außerdem durften wir den Kaffeesatz mitnehmen, der später wieder aufgebrüht wurde und dann pro Tasse 10 Pfennig kostete.

Unser Chef versteckte schon mal ein ganzes Hähnchen unter den Innereien und die kleinen Aufmerksamkeiten von Bill, wie Schokolade und Gebäck, forderte er später ein, da er der Meinung war, sie würden der Kantine, also eigentlich Ihm, zustehen. Nach Absprache mit Bill holten wir in Zukunft die Süßigkeiten dann ein paar Stunden später. Gelegentlich wurden wir zum Tanzen bei den Amerikanern eingeladen, das war in dieser armen Zeit immer ein Fest.

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Nach 5 Jahren übernahm ein neuer Pächter unsere und zwei weitere Kantinen im Auftrag der Bahn und so wurden wir wieder Bahnangestellte im Angestelltenverhältnis. Dieses Arbeitsverhältnis hatte Bestand bis zu meiner Pensionierung im Jahre 1983. An der Münsterbrücke befanden sich die Lockschuppen in denen Loks überprüft, gewartet und mit Wasser und Kohle befüllt wurden, hier bewirtschafteten wir eine zweite Kantine in der ich auch tätig war. Außerdem wurden hier die Züge in verschiedene Richtungen wie nach Koblenz, Düsseldorf, Ludwigshafen oder München zusammengestellt.

Unsere Kunden waren Bahnarbeiter, Schlosser und Jungarbeiter, heute würde man Auszubildende sagen. Um alle Mitarbeiter zu versorgen war die Kantine von 7 Uhr bis 21 Uhr geöffnet. Die warmen Mahlzeiten wurden aus unserer dritten Kantine, die sich in der nahen Dragoner Kaserne befand, (sie heißt heute noch so) angeliefert. In der Dragoner Kaserne wohnten viele ausgebombte Familien. Außerdem befanden sich hier auch die Kleider-und Schuhkammer der Bahn, in welcher Mitarbeiter Ihre zerschlissenen Uniformen tauschen konnten. Andere Büros auf diesem Gelände waren zuständig für soziale Belange der Bahnmitarbeiter, z.B. wurde hier an geringverdienende Mitarbeiter, angespartes Kartoffel- und Kohlegeld ausgezahlt, so dass diese Leute, bei Anlieferung ihrer Kartoffeln oder Kohle, diese bezahlen konnten.

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Alle Bahnmitarbeiter und Anwohner wurden aus unserer Kantine versorgt. Wir hatten sogar einen eigenen Metzger, der Wurst herstellte, die wir ebenfalls in der Kantine verkauften. In dieser Nachkriegszeit wurden viele zerstörte Bahnstrecken wieder hergestellt oder neu gebaut. Diese Strecken wurden nach Fertigstellung von einer Kommission, unter Leitung des Bahnpräsidenten, zur Kontrolle abgefahren. Es wurden unter anderem Streckenkontrolllichter, Signale und Notfallkoffer auf Bahnhöfen kontrolliert. Bei diesen Fahrten waren mein Chef, eine Bedienung und ich dabei um für das leibliche Wohl der Kommission, mit Kaffee und belegten Brötchen zu sorgen.
Heute bin ich 93 Jahre alt und denke gerne an die alte Zeit zurück, es waren harte Jahre voller Entbehrungen, aber im nach hinein waren es doch schöne Jahre.

– Klara Rohr

Kommentare

Bernhard Schad schrieb am 27.10.2017

Danke für diesen interessanten und sehr persönlichen Beitrag ! Es tut gut auch hin und wieder mal aufzuzeigen wie schwer - aber auch spannend und herausfordernd - die Zeiten nach dem Krieg und bis hinein in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts waren; viele können sich davon ja heute keine rechte Vorstellung mehr machen.

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Es ist mal wieder an der Zeit für einen Blick in …

2016-10-12

Es ist mal wieder an der Zeit für einen Blick in unsere Vergangenheit.
Findet sich jemand, der noch den Mineralwasserbetrieb des Bundesbahn-Sozialwerkes kennt?
1961 gab es eine Flasche Selters noch für 15 Pfennig.

– stiftungbsw

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Februar 1992: Ein Ereignis revolutioniert alles,…

2016-03-15
  1. Februar 1992: Ein Ereignis revolutioniert alles, was wir bisher kannten. Die Serviceverbesserung im Inselhotel Rote Erde auf Borkum setzt neue Maßstäbe in Sachen Verpflegung in einem BSW-Hotel. Der hungrige Hotelgast konnte ab diesem Zeitpunkt zwischen sage und schreibe zwei Mittagsmenüs auswählen! :-)

– stiftungbsw

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Bereits 1993 im BSWmagazin gedruckt, hat es bis…

2016-02-17

Bereits 1993 im BSWmagazin gedruckt, hat es bis heute nicht an Aktualität verloren:
Dem Nächsten zu Hilfe eilen, wenn er in Not ist, ihm beistehen, wenn er uns braucht! Das ist die Philosophie der Stiftungen BSW und EWH. Denn wie es unseren Kollegen geht, das geht uns alle etwas an!

– stiftungbsw

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Ein BSW-Spruch, der heute noch genauso aktuell…

2016-02-05

Ein BSW-Spruch, der heute noch genauso aktuell ist, wie vor 22 Jahren:

Mit kleinen Spenden
und vielen Händen
Not beenden
und Freude spenden.

In diesem Sinne wünschen wir euch allen ein schönes Wochenende!

– stiftungbsw

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Wahre Schätze der Eisenbahn-und BSW-Geschichte

Wir sind abgetaucht und zwar nicht in die Tiefen der Weltmeere, sondern in die langen Gänge des BSW-Zentralarchivs in Ludwigshafen. Was wir dort gefunden haben ist allerdings durchaus…

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Wahre Schätze der Eisenbahn-und BSW-Geschichte

2016-01-15

Wir sind abgetaucht und zwar nicht in die Tiefen der Weltmeere, sondern in die langen Gänge des BSW-Zentralarchivs in Ludwigshafen. Was wir dort gefunden haben ist allerdings durchaus mit dem entdecken von Schatzkisten aus uralten Schiffswracken vergleichbar.
Unsere Schätze sind die einzigartige Geschichte von der Gründung, dem Werdegang und der heutigen Stiftung Bahn-Sozialwerk.
Wir blicken zurück auf Menschen, die Visionen hatten, denen das Wohlergehen und das Schicksal von Kollegen immer ein wichtiges Anliegen war. Die Erkenntnis, gemeinsam stark zu sein, und damit auch die größten Herausforderungen meistern zu können, war der Grundstein für den Aufbau des heutigen BSW.

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1904 beschlossen die Vertreter von 286 Eisenbahnvereinen, den Vorgänger der heutigen Stiftung zu gründen. Der Leitgedanke „Soziale Selbsthilfe für Eisenbahner“ bestimmte von da an die sozialen Programme des Verbandes. In Zeiten größter Not, in politisch schwierigen Situationen und generell immer dann, wenn sich durch den Zusammenhalt eine Verbesserung der Umstände andeutete, standen Eisenbahner zusammen. Eine Einstellung, die auch in der heutigen Zeit noch zu finden ist.

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Eisenbahner haben mit ihrem Bekenntnis zum BSW vor über 110 Jahren ermöglicht, dass wir auch heute noch die ursprüngliche soziale Ausrichtung leben und umsetzen dürfen. Menschen zu unterstützen, deren Lebenssituation Hilfestellung erfordert, ist nach wie vor die Basis des BSW.
Wir blicken zurück auf eine Geschichte, die nicht nur für soziales Engagement steht, sondern die jeden einzelnen Förderer durchaus mit Stolz erfüllen kann. Wir alle gemeinsam können diese Geschichte weiterführen und wer weiß, vielleicht finden in 110 Jahren wieder Eisenbahner zwischen hohen Regalgängen wertvolle Schätze.

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wir möchten Euch an der Geschichte teilhaben lassen und hoffen, mit den Fundstücken bei euch eine ähnliche Faszination hervorrufen zu können wie wir sie empfunden haben. Ab sofort findet ihr deshalb auf BSW-Talk spannende Ein-und Rückblicke der BSW-Geschichte.
Viel Spaß beim Lesen!

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Wer hätte das gewusst? Vor 190 Jahren, genauer …

2015-09-28

Wer hätte das gewusst?
Vor 190 Jahren, genauer gesagt am 27.09.1825, nahm die Stockton & Darlington Railway Company im Nordosten Englands den Betrieb auf.

Warum ist das so bedeutend?
Es war die erste öffentliche Eisenbahn, mit der Personen befördert wurden und ihre Gleisspurweite von 1435 mm wurde in Folge weltweit als Normalspur bei den meisten Bahnen übernommen.

Ab sofort stellen wir Euch jeden Monat historische Ereignisse aus der Welt des Eisenbahnwesens vor, die vielleicht nicht so bekannt, aber durchaus bedeutend sind.

– stiftungbsw

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